DID! Durchstarten in Deutschland! Neue Perspektiven für zugewanderte Frauen

Artikel Rhein-Neckar-Zeitung, 27.06.2026, von Marion Gottlob:

Damit alle Frauen durchstarten können

Frauen mit Zuwanderungsgeschichte sollen leichter eine Arbeit finden – das ist das Ziel des Projekts „Durchstarten in Deutschland“ des Heidelberger Vereins zur beruflichen Integration und Qualifizierung (VbI). Geschäftsführer Matthias Bäcker betont: „Wir wollen die betroffenen Frauen begleiten, sodass sie zur Teilhabe an der Gesellschaft und zu mehr Selbstvertrauen finden.“ Der Europäische Sozialfonds Plus und das Land Baden-Württemberg unterstützen dieses Projekt jetzt mit 233 000 Euro. Das Jobcenter Rhein-Neckar-Kreis kofinanziert das Projekt mit weiteren 60 Prozent. Das Landratsamt ist Kooperationspartner.

Es gab in der Vergangenheit schon einige Maßnahmen zur Förderung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Analysen haben dabei gezeigt: Männer finden mit diesen Hilfen oft langfristig Arbeit, Frauen dagegen aufgrund struktureller Barrieren nicht immer. Obwohl einige der Frauen in ihrer Heimat genau wie die Männer einen Beruf erlernt haben, arbeitswillig und bereit sind, die deutsche Sprache zu erlernen.

Aber es gibt für Frauen häufig mehr und andere Hindernisse als für Männer. An erster Stelle steht, dass Frauen oft für die Kinder sorgen oder Angehörige pflegen. Sie haben in der Folge weniger Zeit, die deutsche Sprache zu erlernen und sich mit neuen Begebenheiten vertraut zu machen. „Außerdem sind sie aufgrund der Sorgearbeit häufig zeitlich und räumlich weniger flexibel. Hinzu kommen traditionelle Rollenbilder sowie fehlende Kenntnisse des hiesigen Arbeitsmarkts und mangelndes Selbstvertrauen im Ankunftsland,“ so Bäcker. Es kann passieren, dass diese Frauen dann große Ängste vor dem neuen Land entwickeln, zusätzlich zu eventuellen Traumata, sofern die Frauen eine Fluchtgeschichte haben.
Neue Projektleiterin ist Dagmar Sievert. Sie ist Simultan-Dolmetscherin für Englisch und Übersetzerin für Englisch und Spanisch. Schon während ihrer Gymnasialzeit hat sie Kinder beim Erwerb der deutschen Sprache unterstützt. Während eines Highschool-Aufenthaltes in den USA lernte sie die strikte Trennung nach Gruppierungen im Alltag kennen – und die Nachteile der Fremdheit. Sie sagt: „Ich war die ,komische’ Deutsche, die mit allen Gruppen und Nationalitäten in der Highschool Kontakt unterhielt.“ Später arbeitete sie wiederholt im sozialen Bereich. Nun sagt sie: „Diese neue Aufgabe motiviert mich sehr.“

Das Projekt richtet sich speziell an Frauen, die langzeitarbeitslos sind und Anspruch auf soziale Unterstützung haben. Vier Berufslotsinnen werden die Frauen nicht nur auf Deutsch, sondern in der gemeinsamen Muttersprache lokal begleiten und beraten. Gemäß dem Bedarf wurden Muttersprachlerinnen für Arabisch, Englisch, Türkisch und Ukrainisch als Lotsinnen ausgewählt. So können Klientinnen in ihrer eigenen Sprache über Probleme sprechen und Ratschläge wirklich verstehen.

Im Rhein-Neckar-Kreis gibt es rund 6600 erwerbsfähige, langzeitarbeitslose Frauen, davon haben 70 Prozent einen Migrationshintergrund. Ein wichtiger Projektpartner ist das Jobcenter Rhein-Neckar-Kreis, das betroffene Frauen an das Projekt vermitteln wird. An dem Projekt sollen rund 160 Frauen teilnehmen. Die Frauen werden in vier Gruppen von je acht Teilnehmerinnen etwa fünf Monate lang zwei bis drei Stunden pro Woche an Gruppen- und Einzelcoachings teilnehmen. Christoph Sambel vom VbI erklärt: „In den Gruppen gibt es Infos zu den beruflichen Möglichkeiten, zur Anerkennung von Berufsabschlüssen, zum Gehaltssystem oder Teilzeitmodellen.“

Sievert erläutert: „In den Einzelgesprächen können die Frauen ihre Erwartungen und realistischen Möglichkeiten besprechen.“ Ein Beispiel: Wenn eine Frau in ihrer Heimat in der Buchhaltung gearbeitet hat, ist es nicht so leicht, diese Tätigkeit hier fortzusetzen, weil es Unterschiede im Steuer- und Handelsrecht gibt. Aber vielleicht ist eine Weiterbildung in diesem oder Ausbildung in einem anderen Bereich möglich. „Wir besprechen mit den Migrantinnen die Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Wir besprechen aber auch, dass und wie sie den Partner oder andere Familienmitglieder in die Betreuung der Kinder einbeziehen können: Einer zum Beispiel bringt die Kinder zur Kita oder Schule, der andere holt sie ab. Dadurch lernen Frauen neue Möglichkeiten kennen“, so Sievert.

Die Frauen erhalten zudem Unterstützung bei der Erstellung ihrer Bewerbungsunterlagen und üben in Rollenspielen Bewerbungsgespräche. Mithilfe der Lotsinnen bemühen sie sich um Praktika. Im Idealfall werden die Frauen anschließend in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen. Sievert sagt: „Wir suchen den Kontakt zu Unternehmen, die diesen Frauen eine Chance geben möchten.“

„Wir wollen, dass sich die Frauen vernetzen“, erklärt Maria Theresia Brucker, Integrationsbeauftragte des Kreises. In den Gesprächen sollen die Frauen ermutigt werden, in ihrer Muttersprache über ihre spezifischen Anliegen zu sprechen. Dann können psychische Belastungen oder traumatische Erfahrungen thematisiert werden. „In solchen Fällen verweisen die Lotsinnen die Frauen an die entsprechenden sozialen Beratungsstellen“, so Brucker. Ziel des Projekts ist es, möglichst vielen Frauen den Weg zu einer besseren Qualifizierung, zu einem Praktikum oder zu einer Beschäftigung zu eröffnen. Vor allem aber soll das Projekt das Selbstvertrauen der Frauen und die Beschäftigungsfähigkeit stärken. Denn wer mehr Mut hat, kann langfristig seine Chancen besser nutzen.

Matthias Bäcker, Maria Theresia Brucker, Dagmar Sievert und Christoph Sambel (v.l.) helfen Frauen mit Zuwanderungsgeschichte. Ihr Projekt richtet sich vor allem an Frauen, die langzeitarbeitslos sind und Anspruch auf soziale Unterstützung haben. Foto: mio

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